Roland Fischer: Fassaden

Roland Fischer: Fassaden – ein visuelles ABC der globalen Architektur

 

Vernissage am 18.09.2015 Galerie project.claus, Aachen, Germany

 

Thomas Kempen

 

 

Elemente der Geometrie: Linien, Rechtecke, Kreise und diese kontrastierend gestaltet in Farbfeldern: irgendwie angenehm, ästhetisch, schön…? Und doch auch irritierend, herausfordernd, Neugierde weckend.

Ähnlich bedeutend wie die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg (um 1450) haben wir in den letzten Jahrzehnten mit der globalen Präsenz digitaler Bilder einen „Iconic Turn“ erlebt, wie es Hubert Burda, der große Medienunternehmer nennt. Von einem Iconic Turn der Architektur spricht auch einer der großen Väter derselben, nämlich Gottfried Böhm.

Gibt es noch eine Chance, die Aura der Kunst, die Aura des architektonischen Entwurfes zu erretten vor dem Verbrauch der Bilder durch deren multimediale Präsenz?

Durch die weltweite Vernetzung der Architekten und deren Architektur, durch global operierende Architekturunternehmen werden Entwürfe  aus der Regionalität gelöst, in der Architekten Jahrhunderte lang als Baumeister-tätig waren. Der architektonische Entwurf wird zu einem weltweit diskutierten und natürlich so oder so kritisierten Objekt. Längst ist Architektur global transportierbar geworden. Längst wollen Asiaten, Amerikaner, Afrikaner, Europäer identische Ideale der architektonischen Formensprache verwirklicht sehen. Dabei sind „höher, schneller, weiter“, die Ziele des Sports jetzt zu übersetzen in „abgefahrener, spaciger, cooler“.

Vor diesem Hintergrund mag das, was Roland Fischer tut, auf den ersten Blick konsequent sein. Wenn Architektur nämlich ohnehin längst global geworden ist, spielt der Ort, an dem sie realisiert wurde, vermeintlich keine Rolle mehr. Fischer entrückt seine Fassadenbilder, oder besser die Motive derselben, von jeder Ortszugehörigkeit. Durch die fehlende Identität des Ortes wird jedes Fassadenmotiv gedanklich mobil. Die Fassadenbilder von Roland Fischer werden dadurch zur Kunst, dass sie den Fassadenentwurf dem  genius loci entheben und ihn auf die Zweidimensionalität der Geometrie reduzieren. Es ist doch in seiner Paradoxität faszinierend: jede Fassade Fischers könnte „anywhere“, also egal wo sein und doch existiert sie eben präzise nur einmal an einem ganz bestimmten Ort.

Darf man das? Darf man Architektur so reduzieren? Darf man Architektur vom Ort lösen, für den sie realisiert wurde? Architektur, oder zumindest gute Architektur, stellt immer den Bezug zur Umgebung des geplanten Objektes her. Dabei passt sie sich durchaus nicht immer nur an. Jeder von Ihnen hat genügend Beispiele vor Augen, wenn ich von Architekturkontrasten oder von Solitären spreche.

Architektur und Ort gehören also zusammen, nicht umsonst verörtlicht Roland Fischer seine Bilder in ihren Titeln und Bildunterschriften. Es entsteht die gewünschte Ambiguität (Doppeldeutigkeit) von echtem Abbild und autarkem Bildojekt.

Fischers Bilder sind anpreisend und mahnend zugleich. Die Fassadenentwürfe, die über die Reduktion auf ihre Geometrie eine Überhöhung im Auge des Betrachters erfahren, stehen auf der einen Seite. Die Sorge, dass Architektur zur bloßen Wiedergabe geometrischer Strickmuster verkommt, steht auf der anderen Seite. So sind die Bilder von Roland Fischer unbedingt ein Teil des „Iconic Turn“, denn sie führen uns sinnreich vor Augen, wie unsere digitale globale Vernetzung eine Vereinheitlichung der gebauten Umwelt verursachen könnte.

„Fassaden sind  der gestaltete oft repräsentative Teil der sichtbaren Hülle eines Gebäudes.“ Wikipedia sei Dank. Gestaltet? Repräsentativ? – oder kurz gesagt „schön“? Finnste dat schönn? fragt der eine Aachener den anderen beim Anblick einer neuen Fassade (Ich erinnere an das Bauhaus Europa am Katschhof). Muss eine Fassade schön sein?

Nein, keine Sorge, ich werde mich nun nicht über „schön oder nicht schön“ auslassen, wenn wir heute Abend Kunst, Architektur und Fotografie zum Thema haben. Aber das, was Fischers Bilder können, das, was sie mit dem Betrachter anstellen, ist, die gebaute Fassade durch den konzentrierten Blick auf deren Geometrie zu entmaterialisieren. Die Diskussion, ob eine Materialauswahl für eine Fassadengestaltung klug, richtig und eben „schön“ war, erübrigt sich. Fischer macht die Geometrie der Fassaden in ihrer Formen- und Farbensprache zu seinem eigenen ABC der Architektur und so entsteht das, was wir heute Abend hier erleben dürfen.

Und noch etwas: Fischer lehrt uns, zu sehen, zu schauen, hinzugucken. Egal ob es Anklänge an Mondrian bei der NAB-Fassade in Melbourne sind, oder die großen Pixel beim Plaza-Tower in Dallas, der Kontrapunkt der Farben beim Sedus-Building in „Black Forest“ oder die vielen Fassaden des neuen China, Fischers Fassadenbilder animieren zum „Hinschauen“ und damit meine ich nicht nur das Hinschauen auf die Bilder, sondern eben auch das aufmerksame Hinschauen auf eine wertige Gestaltung unserer gebauten Umwelt.

Vermutlich ist es längst irgendwo gebaut worden, das Gebäude mit einer allseitigen Medienfassade, die jede beliebige Geometrie auf ihrer Oberfläche erzeugen kann. Kein schöner Gedanke finde ich, dass so etwas Einzug halten könnte in die Architektur.

Da ist es weit besser, wenn Architekturen immer noch vor Ort entstehen und nicht im world wide web. Und so ist es dann auch nach wie vor möglich, dass die beeindruckenden Fassadenbilder von Roland Fischer eine Fortsetzung finden.

Genießen Sie die außergewöhnlichen Bilder eines außergewöhnlichen Künstlers, der anwesend ist und Ihnen sicher gerne Rede und Antwort steht.